Kritik des Kollektivismus

Jaron Lanier ist Filmemacher, jedenfalls wenn es nach Wikipedia ginge1. Da er jedoch ausschließlich der Regisseur eines Films ist, der nach seiner eigenen Einschätzung so schlecht ist, dass es keine passendere Folter gäbe „than making these determined Wikipedia goblins actually watch my one small old movie“, hält er die Charakterisierung als Filmemacher natürlich nur als bedingt geglückt. Dieser Ärger über den falschen lexikalischen Eintrag äußert sich nun darin, dass er im Ausmaß der sozialen Wirkung Wikipedias, einen großen Bestandteil eines neuen Online-Kollektivismus erkennt, hinter welchem sich die Überzeugung verbirgt, dass das Kollektiv allwissend sei.
Einen ähnlichen Trend hin zum Kollektivismus erkennt er in den unterschiedlichsten Meta-Suchmaschinen die allesamt garantieren, durch Aggregation und Organisation die unterschiedlichen Identitäten und Informationen aller Seiten zu bündeln und zu strukturieren. Die Aggregation aggregierender Meta-Services hebt das Ganze auf eine neue Ebene und die somit erfolgende Verselbständigung der Metaisierung führt zu einem ständigen Wettlauf um Platz 1 der „most-meta“-Services.
Die sich dahinter verbergende Hoffnung scheint zu sein, einen dominanten meta-service zu kreiieren, der alle aggrerierten Informationen durch einen finalen Flaschenhals selektiert. Das Ergebnis?
„We now are reading what a collectivity algorithm derives from what other collectivity algorithms derived from what collectives chose from what a population of mostly amateur writers wrote anonymously.“2
Internet sollte, vertraut man der menschlichen Intelligenz, seiner Meinung nach nie als eigene Entität verstanden werden, andernfalls ist es ein Leichtes sich der indivuellen Verantwortung zu entziehen indem man sich auf anonyme meta-services beruft.
Die organisierte Verantwortungslosigkeit wird unterstützt von der Macht der Verfügung über Informationen. Es ist bequemer, einfacher und ungefährlicher und gleichzeitig profitabler, Inhalte nicht selbst zu erstellen und Informationen nur automatisch zu strukturieren als sie selbst zu verfassen.
Die Beurteilung von Inhalten sollte weder von Algorithmen oder von einer komplett offenen Plattform übernommen werden, denn „the collective is good at solving problems which demand results that can be evaluated by uncontroversial performance parameters, but bad when taste and judgment matter.“ Ein Kollektiv ist seiner Meinung nach nur dann intelligenter als eine Einzelperson, wenn garantiert ist, dass die Frage einfach ist (beispielsweise das schätzen einer Anzahl) oder die Problemlösung formalisiert ist und einer kanalisierenden Kotrolle durch Menschen unterliegt. Kollektive Intelligenz wird durch die Aufklärungsarbeit Einzelner verbessert, Lanier plädiert also für eine Persönlichkeitsbasierte Qualitätskontrolle um eine Verselbständigung des Technikutopismus und des Kollektivvertrauens zu vermeiden. Blinde Technikhörigkeit bietet nach seinen Ausführungen genügend Potential um die Unfähigkeit zur Kritik zu fördern und somit neuen Totalitarismen Platz zu schaffen.

Link: Lanier, Jaron: DIGITAL MAOISM:
The Hazards of the New Online Collectivism

  1. Anscheinend ist der Artikel gerade wieder geändert worden. Mal sehen wie lange die Änderung dauert [zurück]
  2. Dies führte dann dazu, dass die momentane most-meta site „popurls“, am Tag des Erdbebens in Java die Meldung dass der Rekord im Eiscreme essen gebrochen sei und somit eine neue Dimension der Eiscreme bedingten Kopfschmerzen betreten worden sei, als wichtiger einstufte als das Beben. [zurück]

4 Antworten auf „Kritik des Kollektivismus“


  1. 1 jules 30. Mai 2006 um 19:24 Uhr

    Kollektive Intelligenz, interessantes Thema.
    Wie sagte schon Charlotte Perkis Gilman: „Das Schlucken und Gehorchen, ob eine alte Doktrin oder neue Propaganda, ist eine Schwäche, die den menschlichen Geist immernoch dominiert.“

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